Dienstag, 3. September 2013

Die Schockphase


  

Der Schock war groß. Ich bin normalerweise keine Person, die so schnell sprachlos ist, aber nun, nun fand ich keine Worte. Ich wollte mit niemandem reden. Ich fühlte mich leer.
Wir fuhren zu meiner Familie und Rene sagte ihnen das Ergebnis vom Test. Ich konnte nicht sprechen. Ich hatte nichts mehr zu sagen. Ich weinte.
Ich wollte nachhause, denn ich wollte alleine sein, ich wollte nicht, dass mich jemand weinen sieht.

Ich versuchte stark zu sein, mich zusammenzureißen - für Valentina, ich wollte nicht, dass sie meine Angst und meine Leere spürt. Aber ich schaffte es zuerst nicht, denn es schmerzte zu sehr, dass sie Hörgeräte brauchen wird. 
Natürlich war mir klar, dass es schlimmere Krankheiten gibt und ich war auch froh, dass es etwas gab was ihr helfen wird. Aber…Der Schmerz war so groß, dass kann man nicht in Worte fassen konnte. Wir waren so hilflos. Wir konnten nichts dagegen machen. 
Wie konnte das passieren? Wie würde das sein? Ältere Menschen mögen Hörgeräte nicht einmal, wie soll das als Baby funktionieren? Wie wird sie damit umgehen? Wie wird das später einmal sein? Kann sie alles damit machen? Telefonieren? Schwimmen? Wird sie damit gehänselt und zum Außenseiter? Kann sie damit gut hören? Genug um die Sprache zu lernen?
Ich weinte wieder. Ich war so verwirrt. So viele Fragen.

Ich verstand die Welt nicht mehr. Das war nicht fair. Alles war wir uns wünschten war ein gesundes Kind. Und nun?

Aber wir waren stark – gemeinsam waren wir stark und so vereinbarten wir einen Termin beim Akustiker zur Hörgeräteanpassung und telefonierten mit dem Sinnesinstitut.

Es ist so traurig, wenn man weiß, dass das Kind beeinträchtigt ist. Nie „normal“ sein wird und immer besondere Bedürfnisse hat. Immer wenn ich die kleine süße Maus ansah, wie unschuldig und klein sie doch war – fragte ich mich: Warum? Warum gerade sie? Und hatte wieder Tränen in den Augen. 

Doch jetzt heißt es stark sein, stark sein für unsere Valentina!

Witzig – denn der Name Valentina bedeutet: „die Starke“.

Ich weinte wenn ich alleine war.


Wenn ein Mensch weint,
bedeutet das nicht, dass er schwach ist.
Es bedeutet, dass er momentan mehr fühlt,
als sein Herz ertragen kann.


Ich brauchte ein paar Tage, bis ich mich wieder halbwegs gefangen hatte. Valentina ansehen konnte ohne Tränen in den Augen zu haben und mich aufrappelte. Rene unterstütze mich sehr, er war der Starke, der mich pushte und immer wieder sagte „Wir schaffen das!“ „Es könnte viel schlimmer sein!“ „Gut, dass sie überhaupt etwas hört“ „Für sie wird es normal sein“ „Gemeinsam schaffen wir das“ „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Obwohl ich innerlich wusste, dass er für mich stark war und auch weinte, wahrscheinlich auch oft weinte, wenn er alleine war… 
Er war stark, weil er glaubte, dass es als Mutter noch schlimmer sein musste, ehrlich gesagt ich weißt es nicht.

Uns war klar, dass diese Schockphase irgendwann vorbeigehen musste und man lernt es zu akzeptieren und anzunehmen. Schön langsam weihten wir mehr Menschen ein und ich verließ mein Igelnest wieder. Gut, dass wir Freunde und Familie haben, die uns unterstützen und uns gut zureden. Das schätzen wir sehr, DANKE dafür! 
Aber wir lernten auch, dass verstehen und wirklich mitfühlen nur jemand kann, der auch ein besonderes Kind hat und diesen Schmerz selbst gefühlt hat. Da hatten wir das Gefühl wirklich verstanden zu werden.xd

Zum Zeitpunkt der Diagnose bricht eine Welt zusammen, denn ich glaube jeder wünscht sich ein gesundes Kind. Nicht nur für das eigene Kind, sondern generell. Manchmal ist es halt nicht so, aber das macht das Leben aus und es geht weiter. Man muss es so nehmen wie es kommt und das Beste draus machen.

Ich bin ja schließlich immer diejenige gewesen die gesagt hat:

 „Es hat alles einen Grund im Leben!“

Verstehe ihn zwar im Moment nicht, aber es wird einen geben!




Puhh…

Viele von euch werden mich jetzt vielleicht nicht verstehen. Manche haben vielleicht auch nicht die Energie gehabt, diesen doch längeren Post fertig zu lesen  -  war so nicht geplant, sorry & danke an die, die durchgehalten haben :) Manche belächeln es vielleicht ein wenig. 
Aber wenn man sich zurückversetzt in diese Zeit und das alles noch mal Revue passieren lässt,  muss ich ganz ehrlich sagen, kommen die Emotionen und Gefühle dennoch wieder hoch.
Ich habe mich dabei erwischt, wie ich während dem Schreiben den Tränen nahe war und nicht aufhören konnte zu schreiben. Normalerweise spreche ich nicht gerne über tiefe, innere Gefühle und dieser Post  wurde mit Sicherheit länger als geplant. Aber man fühlt auf einmal den Schmerz wieder, obwohl wir mittlerweile wirklich gut mit diesem Thema umgehen können. Glaube, dass wird einfach immer so sein. dass es Höhen und Tiefen gibt, mal besser und mal schlechter damit umgehen kann. Aber wer hat das nicht in seinem Leben?

Dieser Zeitpunkt war vermutlich das Schmerzhafteste, dass ich je erlebt habe und vielleicht werde ich darüber in ein paar Monaten lächeln, mich vielleicht auch ein wenig schämen, aber nachdem mittlerweile ein Jahr vergangen ist und ich mich noch immer so reinfühlen konnte, ist das schon ok so. Ich fühlte so und musste das einfach loswerden, da ich glaube, dass ich nicht die einzige bin, die so fühlt und manchmal ist geteiltes Leid, halbes Leid.





3 Kommentare:

  1. Wow, Hut ab!

    Karin, ich wünsche Valentina, dir und Rene einfach veil Kraft, Energie und Valenina is a Starke, für Sie wird es normal sein so zu sein wie sie ist...und die Zeit bringt auch dich und Rene weiter!

    Alles Gute für die OP! Bin natürlich in Gedanken bei euch...

    Und a Bussi für Strahlekind Valentina!! <3
    S.

    PS: Live your life how it comes ;) - Dein Motto, denk dran!

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  2. Hach liebe Karin, du schreibst so wunderschön, und es ist gut zu lesen, dass man nicht alleine ist mit seinen Gefühlen, dass wir alle das Gleiche durchgemacht haben und durchmachen, und wir für unsere Großen Schätze immer wieder versuchen stark zu sein. Du schreibst mir aus der Seele!!! Mein Igelnest, wie du es so schön nennst, hab ich 6 Monate überhaupt nicht verlassen, in meiner Arbeit haben sie es erst erfahren als Dominik nicht knapp ein 10 Monate alt war, und da hab ichs nur meinem Personalchef erzählt, der Rest hat ihn mit Hörlis erst mit 14 Monaten gesehen. Ich hab kein Ahnung wovor ich Angst hatte, aber ich musste einfach für mich den richtigen Zeitpunkt finden <3

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  3. Hallo,
    Es ist als hättest du das beschrieben was ich auch fühlte. In diesem Moment schmerzt die Diagnose so sehr, das niemand der es nicht selbst fühlte es versteht. Klar, gibt es schlimmeres aber jede Diagnose ist auf ihre Weise schlimm. Ich wünsche euch weiterhin so viel Kraft :-).

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